Von Blois nach Bléré

Von St. Dyé nach Blois

Montag, 08. Mai 2017

Blois – Bléré

Ich schlafe in dem Verließ so gut wie schon lange nicht mehr, das Doppelbett ist groß und gemütlich, die dicken Mauern lassen weder Straßenlärm noch Sonnenlicht rein. Gegen 8 Uhr bereiten Mama und ich das Frühstück zu, während Papa noch etwas ratzt. Bewaffnet mit Picknickkorb und Ikea-Tablett tragen wir alles nach oben auf die Dachterrasse und frühstücken über der nur langsam erwachenden Stadt. Der 8. Mai ist ein Feiertag in Frankreich, deshalb werden die meisten Bloiser wohl ausschlafen. Die Sonne muss sich erst noch durch den Dunst kämpfen, aber es ist trotzdem freundlich. Nach dem entspannten Petit dejeuner müssen wir leider schon wieder unsere Sachen packen, obwohl wir gerne noch länger in dieser interessanten Stadt und vor allem in dieser tollen Unterkunft geblieben wären – wir hinterlassen noch einige nette Worte im Gästebuch („****-Hotels are boring“). Aber uns erwartet heute noch eine lange anstrengende Strecke, was uns zunächst nicht so bewusst ist. Wir verstecken den Schlüssel an dem vereinbarten Ort nachdem wir unsere Sachen gepackt und den Turm verschlossen haben. Zum Glück führt auch eine Rampe auf die dahinterliegende Straße, so müssen wir die vélos nicht wieder umständlich die Treppe runter tragen. Bis zur Brücke lassen wir uns bequem runterrollen. Auf den Straßen von Blois sind kleine runde Plaketten mit dem Stachelschwein eingelassen. An der Brücke machen wir noch ein paar Fotos.

Es geht zunächst wieder am Ufer der Loire entlang neben einer lauten Autostraße. Bei Chailles verlassen wir den Fluss und fahren weiter in Ortsnähe, vorbei an pittoresken Dorfkirchen, renovierungsbedürftigen Häuschen und gemütlichen Picknickplätzen. Es geht relativ gut voran und bei Chaumond machen wir unsere erste Pause. Der kleine Ort zieht sich schmal an der Loire entlang und wird vom steil ansteigenden Felsen eingefasst, auf dem das Château Chaudmont thront. Die Idylle wäre fast perfekt, wenn nicht eine nervige Schnellstraße durch den Ort gehen würde, wie in so vielen Dörfern hier. Die Sonne kommt gerade raus als wir uns auf einer Wiese mit Bänken und Blick auf dem Fluss niederlassen. Mein Fahrrad fällt um und der Gepäckträgerhalter verbirgt sich, aber mit etwas Gewalt bekomme ich es wieder zurück gebogen.

Auf der anderen Straßenseite sehen wir einen etwas urigen Laden mit allerlei Krimskrams im Eingang. Es entpuppt sich dann aber eher als sehr gut sortierter Supermarkt im Kleinformat. Neben Lebensmitteln und Dingen des täglichen Bedarfs verkauft er auch Fahrräder. Ganz hinten im Laden, zwischen Eiern und Zahnbürsten, sieht man ein Loch im rohen Felsen und ein düsterer Gang. Der Bereich ist abgesperrt, aber wenn man näher tritt geht das Licht im Gang an und es offenbart sich ein schauriger Blick mit Totenköpfen und staubigen Flaschen. Ich gehe zum Verkäufer und Frage ihn, wer die Präsidentenwahl gewonnen hat. Monsieur Emmanuel Macron ist der Gewinner, aber ob das gut oder schlecht ist, kann oder will er mir nicht sagen, es ist wohl keine Veränderung zu Hollande.

Mit dieser Information gehe ich zu Mama und Papa und wir futtern noch einiges von unserem Essen auf. Mama und ich wollen der Kirche einen Besuch abstatten, aber sie ist leider verschlossen. Nachdem die beiden auch nochmal im Laden waren fahren wir weiter. Im nächsten Ort verabschieden wir uns dann endgültig von der Loire, denn unser nächstes Ziel ist Chenonceaux, das sogenannte Damenschloss an dem Fluss Cher. Um dahinzugelangen erwartet uns aber noch ein recht beschwerlicher Weg. Sobald man das Loireufer verlässt geht es erstmal steil die Straße hoch und danach führen die Wege immer wieder auf und ab, was auf Dauer recht anstrengend ist. Hinzu kommt, dass ein Teil der Route an einer Schnellstraße ohne zusätzlichen Fahrradweg verläuft. Hier ist zwar nicht viel Verkehr, aber die in hohem Tempo vorbeifahrenden Autos machen die Angelegenheit doch eher stressig. Obwohl wir uns jetzt erstmal ein ganzes Stück von der Loire entfernen, ist der Weg nach Chenonceau ausgeschildert und als Alternative Route auch in unserem Radtourenbuchen eingezeichnet. Das erleichtert die Orientierung, auch wenn wir an einer Kreuzung mal falsch abgebogen sind.

Auf einer eingezäunten Weide steht ein einsamer Esel und man mag es kaum glauben, aber genau dieser Esel ist auch in unserem Reiseführer zu sehen. Mama und ich machen ganz viele Fotos und Videos von dem Tier, bevor es weitergeht. Nachdem wir auf einer sehr hügeligen Autostraße durch einen Wald gefahren sind, geht es ähnlich hügelig über endlose Felder. Wir sehen kaum Menschen, nicht mal in den Ortschaften, nur viele Schafe, Ziegen, Kühe und Pferde. Es wir windiger und die Sonne lässt sich auch nicht mehr so richtig blicken. In der Nähe des Cher weichen wir vom gekennzeichneten Weg ab, denn wir brauchen dringend eine Pause. Wir können uns zum Glück jetzt ganz bequem ins Flusstal runterrollen lassen, durch den hübschen Ort, dessen geputzte Häuschen zwischen den Felsen stehen, der allerdings auch unheimlich menschenleer ist. Ich folge einem Schild zu einem Aire de Pique-nique, aber an der Stelle ist nur ein doofer Sportplatz, also pflanzen wir uns auf eine Bank am Ufer des Cher und holen Brot und Käse raus. Es ist jetzt 15 Uhr.

Papa legt sich ein wenig ins Gras und ich suche die dürftige Toilette auf. Nachdem wir uns etwas regeneriert haben, treten wir die Strecke nach Chenonceau an, die nun wesentlich entspannter auf einem Radweg am Cher verläuft. Anhand des Parkplatz und der Absperrungen am Eingang sehen wir, dass das Schloss gut auf große Besuchermassen vorbereitet ist, was heute zum Glück nicht der Fall ist. Ohne Schlange zu stehen holen wir uns Eintrittskarten für Schloss und Garten am Automaten, nachdem wir die Fahrräder angeschlossen haben. Um die Lebensgeister zu wecken, holen wir uns auch noch Kaffee.

Nachdem wir den Park betreten haben, werden Mama und ich magisch von der Eselsweide angezogen, Papa interessiert das eher nicht so und er geht schnurstraks zum Schloss. Die zotteligen Viecher mit den großen Ohren stehen unschlüssig in der Gegend rum und sehen total süß dabei aus. Direkt neben dem Gehege ist ein sehr schöner Rosengarten angelegt, der uns etwas dafür entschädigt, dass wir den Jardin du Roquelin am ersten Tag unserer Fahrradtour wegen schlechtem Wetter ausfallen lassen mussten. Im Garten schleicht eine kleine Katze hinter einem kleinen Vogel hinterher und um das Bild perfekt zu machen, kommt auch noch die Sonne raus. Wir gehen weiter und kommen zu einem Gutshof aus dem 16. Jhd. mit Rapunzelturm. Nun kann man dort Workshops machen, Oldtimer angucken und den Schwan am Teich dabei zugucken, wie er das ganze Vogelfutter frisst und die anderen Vögel verjagt.

Noch ein Stück weiter erstreckt sich ein langgezogenes Gebäude mit Restaurant und Ausstellungsraum, in dem die Rolle des Schlosses als Hospital im 2. Weltkrieg beleuchtet wird. Hier gibt es WLAN! Wir steigen hinab in den Weinkeller und bewundern die großen Fässer. In einer Ecke liegen staubige Flaschen aus den 70ern rum. Als wir wieder an die Oberfläche kommen, hat sich das Wetter noch etwas verbessert und nun erstrahlen die Farben des geometrischen Gartens vor dem Schloss in ihrer vollen Pracht. Von hier aus hat man einen fantastischen Blick auf das elegante Schloss über dem plätschernden Cher. Das müssen wir natürlich sofort fotografisch festhalten.

Von der mittelalterlichen Burg steht nur noch ein einsamer Turm auf einer leeren Plattform neben dem Fluss. Diese muss man überqueren, um zum Schloss zu gelangen, welches im Gegensatz zu anderen Schlössern doch eher klein ist und auf dem Fundament einer Mühle erbaut wurde. Wir durchschreiten das reich geschnitzte Portal und finden im ersten Raum ein schönes Feuerchen im Kamin. Das passt zwar nicht so richtig zum sommerlichen Wetter, ist aber nichtsdestotrotz ein nettes Detail. Das Schloss wurde übrigens im 16. Jahrhundert von einem gewissen Thomas Bohier erbaut, bevor es in den Besitz der französischen Krone kam.

In den Räumen im Erdgeschoss sieht man hauptsächlich schöne Wandteppiche und noch schönere Blumensträuße. Die Kapelle ist auf jeden Fall ein weiteres Highlight; neben dem Türrahmen kann man angeblich noch die Ritzereien von den schottischen Wachleuten Maria Stuarts lesen. Sie war nicht die einzige royale Dame auf Chenonceau. Heinrich II. schenkte das Schloss seiner Mätresse Diane von Poitiers, welche den wunderschönen Garten und die Brücke über den Cher anlegen ließ. Ironischerweise muss man durch ihr Schlafzimmer mit blauem Himmelbett, um zum Arbeitszimmer von Katharina von Medici zu gelangen, der Frau von Heinrich II., welche nach seinem Tod das Schloss bezog und die unbequeme Nebenbuhlerin rausschmiss. So ein schmuckes Arbeitszimmer mit dunkelgrüner Tapete hätte ich auch gerne. Die lange lichtdurchflutete Galerie mit Schachbrettboden ließ Katharina von Medici auf die vorhandene Brücke draufbauen. Wir funken Papa an.

Der Keller besteht aus vielen verwinkelten Räumen, welche die Küche beherbergt. Über den Kaminen hängen bronzefarbene Pfannen, Töpfe und Pizzaschneider (?) in allen möglichen Größen. Gegen so eine Küche hätte ich auch nichts einzuwenden – vorausgesetzt, ich muss sie nicht sauber machen.

Wir steigen weiter hinauf ins 1. OG, in dem sich die Schlafzimmer weiterer Bewohnerinnen befinden. Wir finden Papa in der oberen Galerie auf einer bequemen Couch. Mama macht ein paar Fotos und wir überlegen uns, was wir als nächstes machen wollen. Ich würde mir das Schloss gerne in Ruhe ansehen, aber es wuseln mir einfach zu viele Leute hier rum. Im 2. OG befindet sich das ganz in schwarz gehaltene Schlafzimmer der Luise von Lothringen, welches aber gerade renoviert wird, weshalb wir nur eine Rekonstruktion sehen.

Wir verlassen das Schloss und schlendern die schöne Allee Richtung Ausgang entgegen. Auf der rechten Seite führt uns eine kleine Brücke zu einem Labyrinth. Das müssen wir unbedingt noch ausprobieren, bevor wir weiterfahren. Besonders schwer ist das Labyrinth allerdings nicht. Tatsächlich gibt es gar keine Sackgassen und man kommt ziemlich locker zu dem rosenbewachsenen Baldachin in der Mitte des Labyrinths. Hinter dem Labyrinth stehen die Karyatiden, antik anmutende Statuen, die einst das Schloss schmückten.

Etwas schade ist es schon, dass wir uns nicht im hübschen Dörfchen Chenonceaux eine Bleibe gesucht haben, sondern noch bis Bléré weiter fahren müssen. Aber zum Glück gibt es keine nennenswerten Steigungen mehr zu bewältigen, denn es geht immer am Cher entlang. Mit einigen Schwierigkeiten finden wir dann doch noch das Haus L’Ecume du Cher in bürgerlicher Gegend, in dem uns ein nettes, aber reserviertes Ehepaar mit einer großen Boxherhündin begrüßt. Wir sind etwas irritiert, als sie uns zu unseren Zimmern im Obergeschoss bringen, hatten wir doch angenommen, dass wir ein Ferienhaus für uns haben. Aber natürlich wollen wir nicht unhöflich sein und bedanken uns brav für die Gastfreundschaft. Mama und Papa haben ein Zimmer mit Doppelbett während ich im Kinderzimmer einquartiert werde, inklusive Kuscheltieren und großer Comicbuchsammlung.

Die Gasteltern laden uns zu einem Drink auf der Terrasse ein und wir plaudern ein wenig. Während der Mann ganz gutes Englisch beherrscht, kommen der Frau nur wenige Brocken über die Lippen. Den Hund, der auf den Namen Ecume hört, haben sie wohl ins Haus gesperrt, wir sehen ihn erst mal nicht wieder. Wir sind erschöpft und hungrig von der Fahrt und fragen, wo es in der Nähe ein Restaurant gibt. Die beiden telefonieren etwas rum, aber müssen uns dann leider mitteilen, dass kein Restaurant geöffnet hat wegen dem Feiertag. Wir sehen uns schon mit leeren Mägen ins Bett gehen, als der Gastvater einen verrückten Vorschlag hat: „Nehmt doch einfach mein Auto und fahrt damit nach Amboise!“. War das jetzt ein Scherz oder meint der das ernst?

Er meint es wirklich ernst und 10min später sitzen wir in dem kleinen Renault Megane und düsen Richtung Amboise. Die Navi leitet uns auf französisch dorthin und nach ca. 15 min parken wir vor einer Fußgängerzone, in der leider alle Geschäfte geschlossen haben. Selbst hier nimmt man den Feiertag sehr, sehr ernst. Zum Glück finden wir dann doch noch ein italienisches Restaurant gegenüber vom Deich und essen uns dort so richtig satt. Wir machen einen Verdauungsspaziergang durch das menschenleere Amboise auf der Suche nach einem Späti, in dem Papa noch Bier holen kann. Leider verzetteln wir uns etwas dabei, wir finden weder einen Späti noch das Auto wieder. Die Stadt ist zwar sehr schön mit ihren verwinkelten schmalen Gassen, aber wir würden auch wirklich gerne wieder zu unserer Unterkunft zurück. Die heilige Johanna erhört unser Flehen und führt uns wieder zu unserem Auto. Wir programmieren mal eben die Navi auf deutsch um und versuchen den Weg zur nächsten Tankstelle zu finden. Diese besteht aber nur aus einer Tanksäule und ist abgesperrt, also fahren wir unverrichteter Dinge wieder nach Bléré, wo Papa von den Gasteltern netterweise zwei Bier bekommt. Wir verschanzen uns in unseren Zimmern unter dem Dach und verarbeiten den Tag.

Der nächste Tag in Amboise

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