Mauerradweg – einmal rund um Westberlin

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25. September 2016

Erste Etappe

VeltenMitteSchönefeld

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Wir stehen um 7 Uhr auf und machen uns fertig. Die Stimmung ist gereizt, Papa moniert, dass Mama wieder den halben Hausstand einpackt und so ist es ja auch. Wir versuchen uns wirklich nur auf das Nötigste zu beschränken und da sind große Bodylotion-Tuben und Bierflaschen eher kontraproduktiv. Nachdem alles verstaut ist, satteln wir auf und fahren gegen 8:10 Uhr los. Mama hat den Lenkerkorb ihres neuen Cityrads vollgepackt mit Verpflegung, Papa und ich fahren mit großen Gepäckträgertaschen und kleiner Lenkertasche.

Zunächst geht es unspektakulär über Hdorf nach Hohen Neuendorf. Die Strecke Hdorf-Velten bin ich am Abend zuvor im Stockdunkeln gefahren und muss leider sagen, dass mein gerade repariertes Fahrradlicht mehr als unzureichend ist. Nur ein winziger Punkt vor mir auf der Straße ist erleuchtet und so gut kenne ich die Strecke nun auch nicht. Aber wir haben eh nicht vor, auf unserer Mauerroute im Dunkeln zu fahren. Hinter dem Kreisverkehr in HND machen wir Frühstück an der Tankstelle. Kaffee für alle und ein Eibrötchen für Papa. Gut gestärkt geht es also in den Wald direkt hinter der Berliner Grenze. Als ich das letzte Mal von HND zu mir nach Hause gefahren bin, habe ich den gut ausgebauten Fahrradweg entlang der B96 genutzt. Die Mauerroute verläuft aber durch den tiefen Wald und hier ist kaum noch was zu hören von der viel befahrenen Straße.

Die Mauerroute ist sehr gut ausgeschildert, an jeder Kreuzung findet man die typischen kleinen Wegweiser, die einem sagen wo es weiter geht. Zusätzlich zeigen einem weiße Pfeile direkt auf der Fahrbahn den Verlauf. Da hat sich tatsächlich jemand die Mühe gemacht und ist den gesamten Mauerweg abgefahren, um diese Markierungen zu setzen, die einem sogar zeigen, wo man die Straße überqueren sollte und das auch noch in die richtige – also unsere – Fahrtrichtung. Ganz selten mal widersprechen sich Wegweiser und Pfeile, aber das hat meist einen Grund (z.B. für Fahrräder ungeeignete Strecke). Als dritten Anhaltspunkt haben wir auch noch die Routenkarten der Berliner Stadtentwicklung, die noch mit einigen Zusatzinformationen über Sehenswürdigkeiten entlang der Strecke aufwarten. Unsere erste „Sehenswürdigkeit“ ist der Turm der Berliner Waldjugend. Daran ein Schild mit der Aufschrift: „Max braucht jetzt erstmal Ruhe“. Soso. Dann wollen wir mal nicht weiter stören und ziehen weiter.

Immer wieder begegnen uns entlang der Route Stelen mit Informationen zu Mauertoten und deren Fluchtversuchen in der Nähe. Etwa 138 Personen sind in der Zeit des kalten Krieges im Grenzgebiet der Berliner Mauer ums Leben gekommen, 8 davon waren Grenzsoldaten. Die schießenden Grenzsoldaten wurden sogar belobigt und haben Urlaub bekommen, wenn sie Republikflüchtige getroffen haben. Es kam also auch vor, dass Personen aus Versehen ins Grenzgebiet kamen und dann einfach erschossen wurden. Von dem Grauen des Todesstreifens ist jetzt, über 25 Jahre nach dem Mauerfall, überhaupt nichts mehr zu spüren. Mit der gleichen Präzision, mit der dieser 1961 um Westberlin gezogen wurde, entledigte man sich dessen nach der Wiedervereinigung wieder sehr gründlich.

Wir umrunden den Hubertussee, durchkreuzen eine Sportlergruppe beim Frühsport und folgen dem Radweg durch den Wald und anschließend das Frohnauer Wohngebiet. So entspannt könnte es die ganze Zeit weiter gehen. Entlang der Oranienburger Chaussee ist es etwas hektischer (nicht zuletzt, weil wir komplett auf der falschen Seite fahren – was uns noch öfter passieren wird), aber kurz danach erreichen wir die Niedermoorwiesen des Tegeler Fließ‘, ein wunderschönes ausgedehntes Naturschutzgebiet. Die Sonne strahlt, der Wind weht uns in den Haaren und fröhliche Familien machen ihren Sonntagsspaziergang – idyllischer kann es kaum werden. Von weitem sehen wir das Dorf Lübars, dort gibt es eine Familienfarm, die ich laut Mama und Papa als Kind häufiger besucht habe. Leider kann ich mich daran überhaupt nicht mehr erinnern.

Der Weg geht plötzlich steil bergauf und schlängelt sich an schönen Obstbäumen und am Freizeitpark Lübars vorbei Richtung Süden. Irgendwann erreichen wir doch wieder die Zivilisation, aber wir bleiben zunächst in ruhigen EFH-Gebieten. Schließlich kommen wir zum Märkischen Viertel, ein riesiges Neubaugebiet, erbaut in den 60er und 70er Jahren, quasi eine Stadt in der Stadt. Die Strecke verläuft aber stets im Randgebiet und fernab von größeren Straßen, die höchstens mal überquert werden, wie am S-Bhf. Wilhelmsruh. Danach geht es auf ruhigem, gut ausgebauten Weg zwischen S-Bahnstrecke und PankowPark weiter. In den restaurierten Fabrikgebäuden des ehemaligen Bergmann-Borsig-Geländes scheint u.a. ein Tonstudio Einzug gehalten zu haben, wenn man nach den Bassklängen und Tourbussen geht.

Wir kommen noch an den S-Bahnhöfen Schönholz und Wollankstraße vorbei, bevor wir schließlich mir bekanntes Gebiet erreichen. Zwischen Laubenkolonie und S-Bahnstrecke verläuft der Mauerweg wieder unter Obstbäumen. Hier bin ich oft in der Mittagspause lang gegangen, als ich noch in der Kopenhagener Straße gearbeitet habe. Und Papa wurde ganz in der Nähe am Knie operiert. So erreichen wir letztendlich gegen 12:30 Uhr den Mauerpark und machen die erste größere Pause unserer Etappe.

Papa setzt sich mit den Fahrrädern ans „Bear Pit“, wo eine junge rothaarige Frau schon fleißig und ausdrucksstark Karaoke singt, noch ist hier aber wenig Publikum. Mama und ich machen uns auf zu dem wie jeden Sonntag gut besuchten Flohmarkt. Immer wenn ich hier bin, gehe ich zu einem bestimmten Baklava-Stand und hole mir dort kalten Pfefferminztee und eine süße türkische Köstlichkeit. Ersteres wäre genau das richtige bei diesen sommerlichen Temperaturen (das Wetter ist bombig!), aber leider hat die Dame keine Eiswürfel. Mama nimmt dafür das warme Pendant, was auch eher so lauwarm ist und ebenso den Durst löscht. Zur Stärkung gibt’s Baklawa für Mama, Dattelfinger für mich und Ines bringen wir noch ein „Vogelnest“ mit, die haben wir nämlich vorher angerufen, um uns mit ihr hier zu treffen und als wir nach einer kurzen Toilettenpause, bei der ich mich auch noch gleich umziehe, wieder zurückkommen, sitzt sie auch schon neben Papa.

Zu unserer Überraschung hat sie ebenfalls ihr Fahrrad dabei und schließt sich unserer Mauertour kurzerhand an. Aber zunächst müssen wir uns durch die Massen im Mauerpark kämpfen, bevor wir uns an der Bernauer Straße wieder auf unsere Drahtesel schwingen können. Am Nordbahnhof biegen wir ab in die Gartenstraße, passieren den St. Hedwigsfriedhof und überqueren die Chausseestraße am ehemaligen Grenzübergang. Weiter zum Bundeswehrkrankenhaus und ans Ufer des Spandauer Schifffahrtkanals, wo ein Wachturm schnell mal fotografiert wird. Papa und Ines fahren schon die ausgeschilderte Strecke weiter am Ufer, nur um wieder zurück zu kommen – dort geht’s nicht weiter. Also machen wir einen kleinen Umweg am Invalidenfriedhof vorbei zur Invalidenstraße, wo wir wieder auf den Mauerweg gelangen und der Hauptbahnhof in Sichtweite kommt.

Wir bleiben auf dieser Seite der Spree und folgen der Biegung ins Regierungsviertel. Am Parlament der Bäume ist plötzlich Schluss. Vor uns liegt das Marie-Elisabeth-Lüders-Haus (von wo aus die Fußgängerbrücke auf die andere Seite, zum Paul-Löbe-Haus, führt), links die Straße ist gesperrt. Wir müssten also mit den Fahrrädern über die Fußgängerbrücke ans andere Ufer, aber der Mauerweg geht eigentlich auf dieser Seite der Spree weiter. Wir hätten also vorher schon auf die Uferpromenade fahren müssen, da war die Beschilderung leider nicht sehr eindeutig. Papa und Ines tragen ihre Fahrräder eine Treppe runter, Mama und ich radeln nochmal ein ganzes Stück zurück, um die Rampe zu nehmen. Also weiter im Programm.

Es kommen uns immer mehr ausgepowerte Marathonläufer entgegen und als wir die Spree schließlich auf der Marschallbrücke überqueren und nach rechts abbiegen wird’s richtig voll. Hier müssen wir wieder absteigen und uns zum Reichstag durch kämpfen, wo ein regelrechtes Menschenmeer auf uns wartet. Hier ist nämlich laut Beschilderung die Family Reunion – also Familientreffpunkt des Marathons – was aufgrund des Themas Mauer+Wiedervereinigung irgendwie passend ist. Uns ist hilft das aber alles nicht und wie befürchtet kommen wir ob der schieren Masse an Menschen und zusätzlicher Absperrungen einfach nicht zum Brandenburger Tor durch. Wir überlegen hin und her und beschließen erstmal in Richtung Friedrichstraße zu radeln, am U-Bhf. Französische Straße bleibt uns schließlich nichts anderes übrig, als unsere Fahrräder die enge, total überfüllte Treppe runter in den U-Bahnhof und auf der anderen Seite wieder hochzutragen. Damit haben wir zunächst die Marathonstrecke unterquert. Als wir weiter zum Potsdamer Platz fahren, ahnen wir aber schon, dass wir jetzt praktisch eingekesselt sind vom Marathon und das ganze Procedere nochmal machen müssen. Am Potsdamer Platz gibt es aber wenigstens Rolltreppen und Fahrstühle. Mit erheblicher Verzögerung können wir schließlich unsere Tour fortsetzen. Fun fact: wir haben jetzt ungefähr so viel Weg zurück gelegt, wie die Marathonläufer – nur eben mit dem Fahrrad.

Genervt vom Rummel und der Hitze düsen wir relativ schnell an den Mauerresten in der Niederkirchnerstraße, dem Checkpoint Charlie und der Dauerausstellung The Wall vorbei. Neben dem Axel-Springer-Hochhaus kommen wir wieder raus und folgen den Zeichen nach Osten. Das wunderschöne Engelbecken erwartet uns schon bei bestem Wetter, aber wir haben leider keine Zeit zu verweilen. Also gehts weiter über die Schillingbrücke gegenüber vom Ostbahnhof und entlang der East Side Gallery zur Oberbaumbrücke. Am anderen Ufer gönnen wir uns dann doch mal eine Verschnaufpause. Wir stärken uns und verabschieden uns von Ines. Der stressigste Teil der gesamte Tour liegt damit hinter uns (Berlin Mitte, nicht Ines).

Ab jetzt geht es ganz entspannt am Landwehrkanal entlang durch Neukölln. Hier durchqueren wir einen schönen Park, in dem viele Menschen unterwegs sind. Unterwegs begegnen wir einer Mundraub-Tour: Auf der Webseite mundraub.org werden öffentlich zugängliche Obstbäume und -sträucher angezeigt, das kostenlose Portal macht regelmäßig Fahrradtouren entlang des Mauerwegs und zeigt dem unbedarften Großstädter, wo er Essbares in der Natur findet. Unser einziger Mundraub-Versuch war eher von wenig Erfolg gekrönt (wir erinnern uns: die mickrigen Kirschen), aber dafür haben wir ja ein regelrechtes Mundraub-Paradies in Velten vor der Haustür (Äpfel, Pflaumen, Pipapo).

Wir kreuzen die S-Bahnstrecke auf Höhe Baumschulenweg und folgen noch etwas dem Stichkanal, bis dieser schließlich auf den Teltowkanal stößt. Auf einem gut ausgebauten Weg zwischen Kanal und A113 geht’s für eine lange Zeit weiter, hier sind so einige Fußgänger, Fahrradfahrer und Inlineskater unterwegs. Es ist mittlerweile nach 17 Uhr und bei einer Bankpause überlegen wir uns, wo wir die Nacht verbringen wollen. Ich google ein wenig rum und finde eine Pension unweit der Strecke, in der Nähe des Flughafens Schönefeld. Ich rufe in der Pension Schwalbenweg an und eine Frau mit osteuropäischen Akzent versichert mir, dass es noch ein Zimmer für 3 Personen gibt.

Die freundliche Dame von Google Maps weist uns den Weg, aber die berechnete Fahrtzeit können wir nicht einhalten, weil Mama sehr sehr langsam fährt. Sowieso scheint sie ganz schön Probleme mit ihrem neuen Cityrad zu haben, das Papa ihr extra zum Geburtstag geschenkt hat. Sie eiert ganz schön damit rum, sicher auch weil ihr Lenkerkorb so voll gestopft ist mit Verpflegung, zusätzlich muss sie auch ganz schön viel strampeln, um überhaupt voran zu kommen. Wir fahren durch ein Plattenbaugebiet und weiter in eine EFH-Siedlung, nur um dann wieder in ein weiteres Plattenbaugebiet zu kommen. Zwischen S-Bahnstrecke und Plattenbau stehen mehrere lange flache Bungalowgebäude: ein Motorradclub, eine Pizzeria und schließlich unsere Pension.

Papa macht schnell den Check-In für günstige 45 Euro + 2 Euro fürs WLAN (für die ganze Woche) und wir bekommen den Schlüssel zu einem Zimmer zwei Häuser weiter. Auf dem Flur kommt uns ein Mann mit Handtuch, Duschbad und Badelatschen entgegen und als wir unser Zimmer betreten, bestätigt sich, was wir geahnt haben: kein eigenes Bad. Die Gemeinschaftsduschen und -klos sind den Gang runter. Aber für eine Nacht ist das schon in Ordnung und der Preis ist wirklich unschlagbar. Das ganze fühlt sich sehr nach Klassenfahrt an. Im Zimmer ist ein Kühlschrank und ein Fernseher, letzterer geht allerdings nicht.

Die Fahrräder nehmen wir gleich mit aufs Zimmer, denn die Gegend gehört eher zur Kategorie Nachtjackenviertel. Nachdem wir alles abgeladen und die Gemeinschaftstoiletten inspiziert haben, gehen wir mit gutem Hunger zur Pizzeria. Diese ist ebenfalls mit Klassenfahrtmobiliar ausgestattet und sieht nicht sehr italienisch aus, aber der Koch ist angeblich ein echter Italiener (und der Mann der Kellnerin, wie sie uns ungefragt versichert). Wir bestellen Hähnchenfilet mit Kroketten für Papa und Spaghetti Aglio e Olio + Salat für Mama und mich. Nach dieser aufregenden ersten Etappe unserer Tour haben wir uns das auch wirklich verdient. Zwischendurch fällt mal der Strom im Restaurant aus. Das stört uns aber nicht weiter.

Gesättigt gehen wir wieder zu unserem Zimmer. Mama und ich ziehen für einen Verdauungsspaziergang nochmal um die Häuser. Ein paar Meter die Straße runter steht das Berliner Ortsschild, wir befinden uns nämlich direkt an der Grenze im Ort Schönefeld. Im Dunkeln spielen ein paar Halbwüchsige Fußball und schießen uns den Ball ständig vor die Füße, sie entschuldigen sich aber auch mehrmals dafür. Gegenüber scheint so eine Art Jugendtreff zu sein, der noch gut besucht ist. Ansonsten begegnen wir nicht vielen Leuten hier. Auf der Straße ist ein Fleck, der aussieht wie Blut und Gehirn. Wir kommen am S-Bahnhof Grünbergallee vorbei und gehen dann wieder zur Pension. Da wir alle ziemlich kaputt sind, gehen wir zeitig schlafen. Allerdings wird es eine wenig erholsame Nacht. Die Kissen sind viel zu weich und Mama und Papa schnarchen wie die Weltmeister. Außerdem rauscht alle 20 Minuten eine S-Bahn am Haus vorbei, vom nahegelegenen Flughafen ist dagegen nicht viel zu hören.

Zurückgelegt heute: 74 km



26
. September 2016

Zweite Etappe

SchönefeldWannsee

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Wir wachen wenig erholt aus einem unruhigen Schlaf mit viel zu weichen Kissen auf. Mama allerdings scheint gut gepennt zu haben. Es ist schon gegen 9, eigentlich wollten wir rechtzeitig wieder aufbrechen, aber das bisschen Schlaf war uns dann doch wichtiger. Die übrigen Zimmer werden schon geputzt und wir duschen eilig und packen alles zusammen. Den Schlüssel werfen wir in die Box im Gang und radeln ohne uns umzugucken Richtung Mauerweg. Ich beschließe diesmal, mit Mamas Fahrrad zu fahren, weil sie gestern einfach viel zu viele Probleme damit gehabt hat, vielleicht kann ich ja das Problem genauer bestimmen. Und tatsächlich: die Gangschaltung funktioniert nicht richtig, sie springt immer wieder in den 2. Gang, obwohl man den 3. eingestellt hat. Man muss praktisch die ganze Zeit die Schaltung festhalten und selbst dann kann es vorkommen, dass sie wieder runterschaltet. Hinzu kommt, dass man in einer für die Knie ungesunden Haltung darauf sitzt und das Gewicht des Lenkerkorbs das Lenken erschwert.

Ich versuche das Problem zu umgehen, indem ich meinen Arsch nach hinten schiebe und die Arme durchstrecke. Dadurch werden die Knie entlastet und das Lenken fällt leichter, allerdings tuts dann der Hintern weh. Man kann eben nicht alles haben. Weiterer Vorteil: Mama düst mit meinem Mountainbike davon, anstatt immer das letzte Glied zu sein. Wir machen Halt auf der Brücke über die A113, welche hier kurz mal auftaucht, um dann wieder unter einem Landschaftspark zu verschwinden. Das wird erstmal unser letzter Berührungspunkt mit der stressigen Großstadt sein, denn ab jetzt geht es immer am Stadtrand entlang durch märkische Wälder und Wiesen.

Gleich als erstes kommen wir an einem schönen Birkenhain vorbei, in dem das Hexenhäuschen der Baba Jaga auf einem Bein steht. Etwas weiter halten wir bei ein paar Apfelbäumen, die süße kleine Früchte tragen. Als wir weiterfahren wollen, sind wir etwas verunsichert. Der offizielle Mauerweg geht in Siedlungsnähe weiter, auf einer Tafel wird erklärt, dass hier der eigentliche Mauerstreifen auf privatem Gelände verläuft und deshalb nicht befahrbar ist. Aber der weiße Pfeil zeigt Richtung Feld, dort steht auch noch eine weitere Tafel einer anderen Mauerweg-Organisation (Mauerwegsfreunde e.V. vs. Freunde des Mauerwegs GmbH&Co.KG. oder so ähnlich), die darauf hinweist, dass man hier langfahren kann. Eine kleine Tomatenpflanze begrüßt uns ebenso am Eingang des Feldes und so versuchen wir es einfach mal. In der brandenburgischen Ferne ist Großziethen zu sehen und auf der Berliner Seite überragt die Gropiusstadt die Umgebung.

Es geht noch eine ganze Weile in Feldnähe weiter, bis wir schließlich wieder auf den offiziellen Mauerweg gelangen. In Lichtenrade fahren wir ortseinwärts, um die Bahnstrecke zu überqueren und nutzen die Gunst der Stunde, um bei einem Bäcker in Bahnhofsnähe (S2 Lichtenrade) zu frühstücken. Mama holt noch irgendwas beim Apotheker. Papa kauft bei einem Fahrradladen Kettenöl und schmaddert unsere Fahrräder damit voll. Kurz holpern wir noch über Kopfsteinpflaster durchs ruhige Wohngebiet und dann geht es eine lange Zeit auf dem Kolonnenweg durch Wald und Flur.

Das nächste Highlight entdecken wir am Ortseingang zu Teltow: Die TV-Asahi-Kirschblütenallee – gespendet vom japanischen Volk aus Freude über die Wiedervereinigung des deutschen Volkes, mit freundlicher Unterstützung vom TV Asahi Network. Natürlich blühen sie jetzt nicht mehr, aber wir können erahnen, wie es hier im Frühling aussehen muss und nehmen uns fest vor, zum Hanami zurückzukehren. Nach einer kurzen Pause radeln wir also unter 800 Kirschbäumen Richtung Teltow Stadt. Kurz vorm Teltowkanal entdecken wir ein cooles Sportgerät, das natürlich von Mama und mir gleich mal ausprobiert werden muss. Papa macht es sich auf einer Bank bequem.

In der Nähe stehen ein paar bunt bemalte Mauerfragmente, auf denen auch die vier Sektoren Berlins eingezeichnet sind. Wir befinden uns momentan am Rand des ehemaligen amerikanischen Sektors. Nicht weit von hier hatten die Amis zu Übungszwecken eine ganze Geisterstadt („Doughboy City“) in den märkischen Sand gebaut, um den befaffneten Häuserkampf zu proben. Leider ist von der Anlage nichts mehr übrig. Für uns geht es weiter am Teltowkanal und um Kleinmachnow herum. Beim Museumsdorf Düppel – einem originalgetreuen Nachbau eines mittelalterlichen Dorfes, das ich zu gern besucht hätte, wofür uns aber einfach die Zeit fehlt – beginnt der Königsweg, der sich aber nach einer Weile als wenig königlich entpuppt.

Schnurgerade verläuft dieser Weg meist durch Waldgebiet, ein paar Mal geht es steil bergauf und dann wieder steil bergab. Leider ist es nur selten eine glatte asphaltierte Straße, selbst ein etwas weicherer Waldboden wäre in Ordnung gewesen, aber oftmals handelt es sich dabei um einen holprigen Steinweg, der arg auf die Knochen geht. Beim Kontrollpunkt Dreilinden (Checkpoint Bravo) überqueren wir die A115, natürlich nicht, ohne noch ein paar Fotos zu machen. Von hier geht auch eine separate Teilstrecke ab, die wir aber links liegen lassen (im Nachhinein hätten wir vielleicht doch die Route zu Albrechts Teerofen nehmen sollen statt des anstrengenden Königswegs). Am Ende des Königsweges schwirrt eine Drohne über unsere Köpfe.

Aber wir haben nicht viel Zeit, uns darüber zu wundern. Als Mama und Papa mit mir aufgeholt haben, fahren wir über eine schnucklige Brücke, die über einen schnuckligen Kanal führt, auf dem wiederum schnucklige Hausboote ankern. Es handelt sich um den Teltowkanal und der mündet genau hier in den Griebnitzsee. Wir sind tatsächlich in Potsdam angelangt, was man schon an der sehr mondänen Wohngegend erkennt. Der Weg führt uns ans Ufer des Griebnitzsees, wo ein Denkmal für die verstorbenen Republikflüchtlinge steht. Vom Uferweg kann man direkt in die Gärten der Villen blicken. Allerdings nicht lange, denn wir stehen plötzlich vor einer Hecke.

Hier wurde einfach das Grundstück bis zum Ufer verlängert, was wahrscheinlich nur so halblegal ist. Den Transparenten in einigen Vorgärten entlang der Potsdamer Route nach zu urteilen, scheint es hier im Ort eine hitzige Diskussion um die Öffentlichkeit eben jenes Uferstreifens zu geben. Es hilft ja alles nichts und wir nehmen die Strecke am hohen Ufer, was nicht weniger beeindruckend ist. Eine protzige Villa reiht sich an die nächste, es ist schon erstaunlich, was man mit Geld so alles machen kann. Hier wohnen sicher so einige Promis. An manchen Klingelschildern sind auch nur Initialien angegeben.

So radeln wir durch diese wirklich schnieke Gegend und sind nur ein bisschen traurig, dass wir nicht unten am Griebnitzsee lang fahren können, um auch noch in die Gärten der Schönen und Reichen glotzen zu können. Die Straße heißt lustigerweise Karl-Marx-Straße. Was hätte olle Kalle wohl dazu gesagt, dass man mal eine Straße in diesem Hort bourgoiser Dekadenz nach ihm benennen wird? Am Ende der Straße beginnt der Park Babelsberg und wir biegen ab auf eine sehr steile, enge Straße, die runterführt zu einer schmalen Brücke über die Mündung des Griebnitzsees. Auf der anderen Seite befindet sich Klein-Glienicke. Das ist nun schon das dritte Glienicke, das wir auf unserer Fahrt streifen: Nach Glienicke/Nordbahn ganz im Norden und Altglienicke ganz im Süden, befinden wir uns nun in dem Glienicke, nach dem die geschichtsträchtige Glienicker Brücke benannt wurde, auf der während des kalten Krieges spektakuläre Agentenaustausche stattfanden.

In dem Biergarten Bürgershof machen wir Rast und bestellen bei einem sehr unfreundlichen Kellner ein paar Getränke. Von hier aus hat man einen schönen Blick auf das Dampfmaschinenhaus des Schloßpark Babelsberg am anderen Ufer. Es ist jetzt kurz vor 4 und wir überlegen, wie weit wir noch fahren wollen und vor allem, wo wir die Nacht verbringen wollen. Wir googeln ein bisschen rum und rufen einige Hotels und Pensionen entlang der Strecke an, aber es nimmt entweder niemand ab oder es ist kein Zimmer mehr verfügbar. Bei dem Hotel Petit in Wannsee haben wir dann doch Glück und reservieren ein Zimmer für stolze 128 Euro inkl. Frühstück.

Ich mache noch schnell ein Foto vom Jagdschloß Glienicke und dann fahren wir zur Glienicker Brücke, von dort geht der separate Potsdamer Mauerweg ab, der die Havelseen umrundet, aber wir halten uns an den Berliner Mauerweg und lassen die Brücke links liegen. Die Route verläuft am Ufer entlang des Parks Glienicke, in dem das Schloß Glienicke steht. Die Gegend beherbergt wirklich eine wahnsinnige Dichte an Schlössern, Villen und Parks und wird nicht umsonst Preußisch Arkadien genannt. Der Blick aufs Wasser ist einmalig und das Wetter könnte auch nicht besser sein. Heute war es nicht ganz so sonnig wie gestern, aber trotzdem warm. In einer pittoresken Bucht liegt das Wirtshaus Moorlake, mit perfektem Blick auf Havel sowie Park Sacrow mit Schloß und Heilandskirche am gegenüberliegenden Ufer.

Wir kommen zum Fähranleger Pfaueninsel, müssen dieses Kleinod aber leider auch auf unsere lange Liste mit Orten, die wir unbedingt nochmal besuchen wollen, setzen. Der Mauerweg driftet nun vom Ufer ab und windet sich durch den Forst. Der Weg ist perfekt asphaltiert und steigt erst stark an, vom höchsten Punkt braucht man sich dann nur noch runterrollen zu lassen und landet direkt auf der Königsstraße in Wannsee, an der auch unser Hotel liegt. Dieses macht seinem Namen alle Ehre, denn nicht nur das Hotel mit integriertem Restaurant ist recht petit, auch unser Zimmer im Hinterhof ist eher putzig. Dafür hat es ein geräumiges Bad mit Dusche und ist recht luxuriös eingerichtet. Im Gegensatz zur spartanischen Pension Schwalbenweg war das aber auch wirklich nicht schwer.

Da heute Montag ist, hat das Restaurant Schließtag. Das ist auch unser Glück, denn man kann von der Terrasse direkt in unser ZImmer gucken. Das heißt aber auch, dass wir uns woanders verpflegen müssen. Der Hotelier empfiehlt uns das Loretta am See ein paar hundert Meter weiter, in der Nähe des Fähranlegers. Dort müssen wir sowieso hin, denn wir wollen in Erfahrung bringen, wann die Fähre nach Kladow am nächsten Morgen fährt. Wir laufen die stark befahrene Königsstraße entlang bis zum Fähranleger. Die Sonne beginnt langsam unterzugehen und der Blick aufs Wasser – wie soll es auch anders sein – ist mal wieder atemberaubend. Hinter dem Fähranleger geht eine Treppe nach oben zu einem kleinen Park mit Schlößchen und Frauenstatue. Außerdem befindet sich hier ein großer Bismark-Kopf.

Auf der anderen Straßenseite sehen wir den Bahnhof Wannsee. Hier holen wir an einem Gemüsestand Birnen, Heidelbeeren und anderes Obst. Mama lässt sich von der netten Obstverkäuferin einlullen und Papa ist genervt. Wir überlegen, wo wir was essen gehen wollen und entscheiden uns dann doch für das Loretta am See, das entpuppt sich als original bayerischer Biergarten (hatte der Hotelier nicht irgendwas von südländischer Küche gesagt?). Blöderweise haben wir nur wenig Bargeld dabei, Mama geht also los und will welches holen. Papa und ich setzen uns solange in den Biergarten und essen Bretzel mit Krautsalat und Obazda. Als wir fertig sind, ist die Sonne fast untergegangen und von Mama ist keine Spur. Wir begegnen ihr auf dem Weg zurück zum Hotel, sie war noch bei Edeka Getränke einkaufen. Ich bin noch nicht satt und ziehe mit Mama nochmal los, um was bei Edeka zu holen und uns ans Ufer zu setzen.

Wir irren mit unseren Fahrrädern durch die Dunkelheit und können nicht so richtig einen Zugang zum Ufer finden. Irgendwann fahren wir eine sehr dunkle, sehr steile Rampe hinunter und befinden uns plötzlich wieder am Fähranleger. Hier holen wir unsere Snacks raus und unterhalten uns. Auf dem Wasser spiegeln sich die Lichter der Marinas. Papa sitzt so lange im Hotel und lädt Bilder hoch. Als wir gesättigt sind, machen wir uns wieder auf den Rückweg und strampeln tatsächlich im Stockdunkeln wieder die steile Rampe hoch. Die Königsstraße ist nach wie vor stark befahren. Im Hotel fallen wir erschöpft ins Bett und schlafen dank fester Kissen sehr gut.

Zurückgelegt heute: 54,9 km

27. September 2016

Dritte Etappe

Wannsee – Spandau – Velten

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Um 7:30 Uhr klingelt schon der Wecker, denn heute wollen wir zeitig die Fähre nach Kladow nehmen. In unseren fürstlichen Betten konnten wir sehr gut schlafen und wachen daher erholt auf. Mama und Papa haben kaum geschnarcht oder ich habe einfach zu tief geschlafen, um es zu bemerken. Bevor wir unsere sieben Sachen packen, geht es aber erstmal zum Frühstück, das man nicht weniger als königlich beschreiben kann (wie soll es auch anders sein in so einer Gegend?). Es gibt Orangensaft für jeden, eine riesige Wurst- und Käseplatte und eine nicht minder riesige Obstplatte. Sogar ayurvedischen Brotaufstrich aus ungefähr 1000 Gewürzen und Pflanzen haben sie im Angebot (schmeckt wie scharf gewürztes Pflaumenmus, nur klebriger). Eigentlich lässt dieser Frühstückstisch keine Wünsche offen, es sei denn, man ernährt sich vegan und hat keine Lust auf Süßes, so wie ich. Also wage ich es, die überaus freundliche Frühstücksdame um einen Teller mit Tomaten zu bitten. Diesem Wunsch kommt sie natürlich prompt nach. Jetzt fehlt nur noch ein Krönchen auf meinem Kopf.

Nach dem Frühstück packen wir unser Zeugs und sind etwas traurig, dass wir nicht länger hier bleiben können. Aber auf Dauer ist es doch etwas zu teuer und wir wollen ja heute noch was schaffen. Die letzte Etappe liegt vor uns und wir wissen nicht genau, wie lange wir dafür brauchen werden, das ist ja ganz abhängig von der Strecke. Zunächst lassen wir uns also zum Fähranleger runterrollen, wo wir noch Fahrkarten für unsere Fahrräder kaufen müssen. Blöderweise gibt der Ticketautomat genau diese nicht her und einen Schalter gibt es nicht. Ich habe auch noch meine Umweltkarte vergessen, also müssen wir bei dem seltsam abwesend wirkenden Kapitän mit Alkoholikerblick auch noch eine Karte für mich kaufen. Mit an Bord ist außerdem eine lärmende Kindergartengruppe, die sich von den dauernden Ssssch-Rufen der Erzieherinnen so gar nicht beeindrucken lässt.

So schippern wir im Morgengrauen über den großen Wannsee mit Blick aufs Strandbad und die umliegenden Ufergrundstücke. Nach 20 Minuten kommen wir in Kladow an. Der Mauerweg verläuft auf der Imchenallee am ruhigen Ufer, die Luft ist schön kühl. Kladow und später Groß-Glienicke stehen Wannsee und Babelsberg in nichts nach, wenn es um herrschaftliche Villen geht. Hinter Kladow trifft dann auch der Potsdamer Mauerweg aus Sacrow wieder auf die offizielle Route. Die Straßen sind größtenteils leer, rundherum ist Wald. Wir fahren noch entlang des Groß-Glienicker Sees, durch das Tor eines ehemaligen Ritterguts und dann geht es erstmal für eine ganze Weile an der schnöden Potsdamer Chaussee Richtung Spandau, rechts von uns die Gatower Rieselfelder.

Am Ortseingang von Spandau biegen wir scharf nacht links in einen Fußgängerweg ab. Jetzt gehts weiter an Laubenkolonien und Pferdekoppeln vorbei. Wir erreichen den Schuttberg Hahneberg und kurze Zeit später das Fort Hahneberg. Dieses wurde 1886 zum Schutz der Spandauer errichtet, konnte dem neuen Typ Kanonen aber nicht standhalten und war damit obsolet. Hier hat Quentin Tarantino einige Szenen für Inglorious Basterds gedreht. Das Gelände kann man im Rahmen einer Führung besuchen, aber da heute keine stattfindet, ist das Tor verschlossen und wir müssen es uns für ein anderes Wochenende vornehmen.

Als nächstes überqueren wir die Heerstraße und befinden uns wieder in der Zivilisation, genauer gesagt dem Spandauer Ortsteil Staaken. Dieser war zu Mauerzeiten genauso wie Berlin in zwei Teile geteilt: Ost-Staaken lag in Westberlin, West-Staaken in der DDR. Es geht eine Weile durch Wohngebiete, u.a. die nette Gartenstadt Staaken, unter einer Bahnbrücke drunter durch, dann mal wieder über eine Autobahn. Bei Falkenhöh kommen wir an ein paar Rindern vorbei („Wasserbüffel, Jule, Wasserbüffel!“) und nähern uns dem Spandauer Forst. Hier machen wir eine längere Pause. Auf einer Informationstafel lesen wir über einen Mauertoten, der nur mal eben seine Frau von der Arbeit abholen wollte und die Ausfahrt verpasst hat…

Nachdem wir uns gestärkt haben, radeln wir weiter. Ich fahre nach wie vor Mamas Citybike und meine Knie erinnern mich immer wieder daran, dass ich sie doch bitte entlasten soll: also Arsch nach hinten! Die Strecke durch den Spandauer Forst ist toll: der Weg ist asphaltiert und in sehr gutem Zustand, es geht wie bei der Achterbahn hoch und runter, das Waldklima ist angenehm. Bei Eiskeller – das nicht umsonst seinen frostigen Namen trägt, ist es doch meist der kälteste Ort Berlins –  erreichen wir offenes Feld. Hier wurde früher Eis aus dem Falkenhagener See gelagert. Zu Mauerzeiten war es eine Westberliner Exklave. So geht es eine Weile durch die Flur, mal an der Straße vorbei, mal durch Wald.

 

Schließlich erreichen wir die Havel. Fast wären wir bei der Badestelle reingesprungen, leider haben wir unsere Badesachen vergessen. Also weiter am Ufer lang. Beim Grenzturm in Nieder Neuendorf gibts wieder eine Pause und Mama und ich betreten den Turm. Zum Glück habe ich noch meinen Helm auf, denn hier kann man sich ganz leicht den Kopf stoßen. Wir lernen allerhand über das hiesige Grenzgebiet, geglückte und missglückte Fluchtversuche und die Arbeit eines Grenzers. Ausgewählt wurden nur linientreue Soldaten ohne Westkontakt, trotzdem versuchten einige von ihnen, in den Westen abzuhauen. Um das Risiko zu minimieren, wurde auf Denunziationen und Misstrauen innerhalb der Grenzteams gesetzt.

Im Untergeschoß des Turms steht eine Miniatur des Schloßes Nieder Neuendorf und ein Fernseher mit einer Doku über die Mauer. Ich nehme mir ein paar Zeitschriften des ADFC mit und wir fahren weiter. Da wir die Strecke nach Hennigsdorf gut kennen und sie landschaftlich jetzt nicht mehr so viele Highlights bietet (außer natürlich der Havel), fällt dieser letzte Teil unserer Etappe etwas unspektakulär aus. Das Ziel unserer Reise ist dann tatsächlich auch „Das Ziel“ vor dem Hennigsdorfer Bahnhof. Hier sind sie gerade kräftig mit dem Umbau in ein Kaufland beschäftigt. Es ist jetzt so gegen 14 Uhr und wir haben die letzte Etappe doch schneller geschafft als erwartet. Ich verabschiede mich von Mama und Papa, denn ich fahre von hier aus wieder zu mir nach Hause. Aber nicht ohne mit Mama noch die Fahrräder zu tauschen. Zwei Tage mit Mamas komischen Citybike haben mir dann auch gereicht. Trotz meines Trick 17 mit dem Arsch nach hinten werden mir in den nächsten Tagen noch ordentlich die Knie zwicken (der Arsch lustigerweise nicht so sehr).

Und jetzt kommt noch ein kleines Fazit:

Die Tour um Westberlin herum hat wirklich viel Spaß gemacht und ich kann es nur jedem empfehlen, der gerne Fahrrad fährt. Wir hatten echt wahnsinniges Glück mit dem Wetter, denn es waren so ziemlich die letzten sommerlichen Tage, bevor der Herbst über uns hereinbrach. Zugegeben: wirklich viel neues hat man nicht über die Mauer erfahren, aber es gibt in Berlin ja wirklich mehr als genug Erinnerungsstätten und Museen, die einem mehr Wissen über dieses düstere Kapitel der deutschen Geschichte vermitteln. Wie bereits eingangs erwähnt, ist entlang des Weges überhaupt nichts mehr zu spüren vom Todesstreifen: die Mauern und Zäune wurden eingerissen und das Gebiet von der Natur zurück erobert. Den Mauertoten wurden würdige Denkmäler gesetzt, damit sie nicht in Vergessenheit geraten. Mal abgesehen von der etwas stressigen City, ist es eine sehr entspannte Tour ohne große Schwierigkeiten, die äußerst gut ausgeschildert ist und auf der man erst so richtig die Schönheit Brandenburgs zu schätzen lernt. Zu den absoluten Highlights der Strecke zählten für mich das Tegeler Fließtal, der Spandauer Forst und vor allem Potsdam! Auf jeden Fall werde ich den Potsdamer Mauerweg auch noch erkunden – ob mit dem Fahrrad oder zu Fuß habe ich noch nicht entschieden.

Viele Sehenswürdigkeiten entlang der Strecke konnten wir uns nicht ansehen, weil die Zeit nicht reichte. Glücklicherweise befinden wir uns ja nach wie vor in Berlin/Brandenburg und mit den Öffis oder dem Auto ist alles nur einen Katzensprung entfernt: das Museumsdorf Düppel, die Kirschblütenallee, Preußisch Arkadien, aber auch Fort Hahneberg und Lübars stehen auf meiner Liste. Es ist schon toll, dass es hier in der Umgebung so viele interessante Orte gibt. Berlin ist wirklich eine einmalige Stadt mit einer sehr bewegten Geschichte und es lohnt sich immer, hier neue Ecken zu entdecken. Wer braucht da schon New York oder London?

Zurückgelegte Strecke heute: 47,6 km

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